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Empowerment und ProfessionalisierungMeinrad Armbruster
Empowerment und Professionalität in der Globalisierung
Meinrad M. Armbruster (2007) Kurzform eines Vortrages am 2. Mai 2007 zur Eröffnung der Ringvorlesung „Empowerment“ - Hochschule Magdeburg-Stendal (FH) 1. Globale Veränderungen Die Lebensbedingungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts unterliegen für die Mehrzahl der Menschen einer historisch neuartigen Transformation, die ein globales Ausmaß hat und vielen existentiell bedrohlich erscheint. Ein in seinem Wachstum entfesseltes Wirtschaftssystem bemächtigt sich mit zunehmender Beschleunigung der Bürger, ihrer Gemeinwesen und der Umwelt. Traditionelle Begrenzungen, gleichgültig ob nationaler oder kultureller Art, scheinen aufgehoben, Kapital und Arbeit beliebig transferierbar. Es fließt überall dorthin, wo gerade die höchsten Profite locken. Kurzfristige egoistische Interessen stellen sich über gesamtgesellschaftliche und volkswirtschaftliche Erfordernisse, soziale und ökologische Folgekosten bleiben unbilanziert. Die Jungen und die Fitten ziehen weg und suchen ihr Glück in zukunftsträchtigen Regionen. Die internationale Gemeinschaft vermag Umwelt- und Ressourcenverbrauch höchstens ansatzweise zu bremsen, der Klimakollaps scheint unaufhaltbar. Zugleich nehmen die Einkommensunterschiede zu und das Wohlstandsgefälle zwischen reichen und armen Völkern vertieft sich. Viele Modernisierungsverlierer fürchten, dass die sozialstaatlichen Sicherungssysteme sie nicht auffangen können. Perfekt funktionierende Produktionsstandorte verwandeln sich über Nacht zu Industriebrachen, da die Lohnstückkosten anderswo billiger sind. Die mit ihnen verwachsenen Bevölkerungen sind von einem auf den anderen Moment abgehängt. Die Arbeitskraft dieser Menschen wird – weil unbezahlbar – überflüssig. Sie verlieren am Markt rasch den Status der umworbenen Konsumenten. Nur wer über die richtigen Voraussetzungen verfügt – vor allem Herkunft, Bildung und Lebensalter -, findet Arbeit in Life Science und High Tech oder im Umfeld von Medien und postmodernen Dienstleistungen. Für eine relativ große Anzahl von Menschen erbringen die Jobs nicht genügend Einkommen, um das Existenzminimum zu sichern. Knapp vier Millionen Deutsche sind arbeitslos, fast sieben Millionen gelten als Niedriglöhner. Es sind Menschen, die in der Woche 40 Stunden und mehr arbeiten und deren Verdienst zum Leben trotzdem kaum reicht. Welche Perspektiven bleiben ihnen? Wovon hängt es ab, ob sie in den Tag hineinleben und ihr Interesse an Teilhabe aufgeben oder ob sie ihr „Prekariat“ vielleicht als Zwischenstadium oder gar als Chance für einen alternativen Lebensentwurf erleben? Indes, die klassischen Industriestaaten verfügen - noch - über einen beträchtlichen, aber vielleicht entscheidenden Wettbewerbsvorteil: Die an den Idealen von Gerechtigkeit und Solidarität ausgerichtete und bildungsorientierte Mentalität der Menschen in den demokratischen Zivilgesellschaften sowie eine Infrastruktur, die Sicherheit und Stabilität verspricht. Dieses Potential der alten Industriestaaten kann zu einem langfristigen Standortvorteil werden, wenn es richtig genutzt wird. Dazu bedarf es eines machtvollen Instrument zur Einbeziehung und Nutzung aller Kräfte: Empowerment! 2. Empowerment – Die Macht den Menschen! Empowerment meint, dass ein jeder Mensch Wirkungsmacht über sein Leben besitzen kann, wenn er will! Um seine Wahloptionen wahrzunehmen, müssen Bewusstsein und Wissen geweckt werden. Ein Teil der Menschen ist bereits in der Lage, dieses Potential einzusetzen, viele andere können dazu in die Lage versetzt werden. Empowerment will den Menschen die Chance geben, aus eigener Kraft in der Gesellschaft zu handeln, sie mitzugestalten und in ihr aufzusteigen, indem sie lernen, ihre Potenzen zu nutzen. Gelingt Empowerment, so erzeugt es Verhaltensbereitschaften, die produktiv auf Selbst-, Sozial- und Umweltbeziehungen einwirken. Empowerment impliziert, dass nicht die „Tatsachen“ einer sich radikal verändernden Welt an sich handlungsleitend sind, sondern die Beschreibungen und Erklärungen, die wir Menschen uns jeweils von den Phänomenen machen. Häufig werden die Beschreibungen und Erklärungen jedoch nicht mehr von den Menschen selbst gemacht, sondern sie werden ihnen „von außen“ gegeben. Sie widerspiegeln die offiziös gehandelten Tatsachen, z.B. über die Unabwendbarkeit von Arbeitslosigkeit, Verarmung und Klimakatastrophe, die Interessen mächtiger Gruppen. Die von ihnen gemachten Marktgesetze und Wirkmechanismen werden den Menschen als naturhafte, unaufhebbare Sachzwänge vermittelt. Durch die „Fiktionalisierung der Wirklichkeit“ majorisieren diese Gruppen die Wahrnehmungen, Einstellungen, Kontrollüberzeugungen und Handlungskonzepte eines Großteils der Bürger. Viele lassen sich dadurch entmündigen und entmutigen, abhängig und hilflos machen. Sie konsumieren gleichermaßen vorgefertigte Lebensentwürfe und Produkte. Umso mehr wird deshalb die Einflussnahme der vielen Mündigen vor Ort gebraucht, welche aus der Kenntnis ihrer Lebenswelt die eigene Erfahrung und den eigenen Wirklichkeitsbezug entgegenstellen und für lebensfreundliche Verhältnisse sorgen können. Empowerment ist eine postmoderne Gegenerzählung. Es hebt die Fiktionalisierung der Wirklichkeit auf einseitige, profitorientierte Erklärungsmuster auf und weitet den Blick auf das unbegrenzte humane Potential. Empowerment ist das Gegenteil der Aneignung von Macht durch die Entmächtigung anderer. Konventionelle professionelle Hilfe war von der Erwartung bestimmt, Benachteiligungen abzufedern und die Anpassungsfähigkeit an den Markt zu erhöhen – einen Markt, dessen Voraussetzung der Vollbeschäftigung nicht mehr gegeben ist. Sie veranlasste im Kern produktive Menschen passiv zu werden und gesellschaftlich notwenige Arbeit nicht zu tun. Es kann heute unterstellt werden, dass diese Interventionen am ehesten jenen nützten, die sie durchführen, für die eigentlichen Adressaten im Sinne von Selbstbestimmung und Teilhabe aber nicht wirklich hilfreich waren. Deshalb bleibt zu fragen, welche Professionalität eine postmoderne Gesellschaft mit immer weniger „Arbeitsplatzbesitzern“ und immer mehr „Zeitarbeitern“ braucht? Verschiedene Lösungsansätze lassen erwarten, dass nach modifizierten Regeln – z.B. durch die Veränderung der Umverteilungssysteme – aus dem nach wie vor industriell erzeugten Mehrwert innerhalb des postmodernen Ökonomien ein Grundeinkommen für alle erwirtschaftet und umverteilt werden kann, auch wenn die Ära der Vollbeschäftigung endgültig vorbei ist. 3. Professionelle Grundzüge von Empowerment Man unterscheidet zwei Typen von Empowerment: die Einwirkung auf sich selbst (self-empowerment) und die Einwirkung auf Andere (to empower people). Sie regen zum einen Prozesse von Selbstbildung und zum anderen Muster solidarischer Vernetzung an. Empowering people beruht auf der prinzipiellen Überzeugung, dass allen Menschen gleiche Rechte zustehen. Es hat zum Ziel, ihnen genügend Wissen und Skills an die Hand zu geben, um frei und gleich über die Verteilung der existentiellen „Lebensgüter“ mitzubestimmen. Professionelles Empowerment, als ermöglichendes Helfen konstituiert, befördert die Beteiligung aller Bürger an ihren Angelegenheiten, an der Organisation von lokalen Dienstleistungen und Produktionsstätten unter rationalen wirtschaftlichen Bedingungen. Selbsthilfe, Selbstunternehmung und solidarische Ökonomie stellen zentrale Elemente lokaler Politik dar. Die Implementierung von Empowerment bedarf einer professionellen »Kultur des Helfens« mit unterschiedlichsten Strategien und Akteuren - „Fach-Experten“ und „Lebenswelt-Experten“. Sie ist gekennzeichnet durch Klienten-, Lebenswelt- und Ressourcenorientierung sowie partizipative kommunale Entscheidungselemente. Die Helfer verfügen gleichermaßen über psychologische, gesundheitsfördernde sowie sozial-pädagogische, ökonomische und administrative Kompetenzen und sind in der Lage, an der politischen Willensbildung im Kleinen und im Großen mitzuwirken. Fach- und Lebenswelt-Experten definieren gemeinsam, wie sie in kleinteiligen Schritten gewünschte Ziele verwirklichen wollen, benennen Bedarfe und setzen Prozesse in Gang. Sie arbeiten mit Akteuren der öffentlichen Verwaltung zusammen, die ihrerseits Empowerment-Experten sind, um ihre Maßnahmen umsetzen und konsolidieren zu können. 4. Kernaspekte im Empowerment-Geschehen Folgende Kernaspekte sind für das Empowerment-Geschehen essentiell 1) Bewusstwerden und Verstehen der persönlichen Entwicklung und des eigenen Wertes. Damit einher geht der Respekt vor der grundsätzlichen Gleichwertigkeit und Würde anderer Menschen. Wahrnehmung und Realisierung der personalen Bedürfnisse und Ressourcen. 2) Ermutigender Dialog in der Gruppe, durch welche die Menschen die Wirklichkeit ihres So-Seins verstehen lernen. Dialog beinhaltet Begegnung, Achtsamkeit und Beziehung, kurz: Gegenseitigkeit. Gegenseitigkeit erzeugt Lebenssinn, Lebensfülle, Mäßigung und Konvivialität. 3) Unterstützung und Vernetzung in den relevanten Fragen des Miteinanders auf lokaler Ebene. Einmischung und Aneignung der eigenen Lebensverhältnisse durch Selbstbestimmung und Selbstunternehmung. 4) Bewegung nach vorne – Transfer des Gemeineigentums an Wissen, Techniken und erweiterten Lebenschancen auf selbstunternehmerische Projekte unterschiedlicher Reichweite. Selbstbestimmung der Vielen in den praktischen Fragen des politischen Miteinanders. Entwicklung von solidarischer Ökonomie und Ökologie. 5. Fünf professionelle Interventionsebenen für die Implementierung von Empowerment Empowerment findet auf verschiedenen vertikalen und horizontalen Ebenen statt • Individuell zur Stärkung vorhandener Potenziale der Einzelnen • Partnerschaftlich, familiär und gruppenbezogen durch die Vernetzung von Alltagsressourcen und Unterstützungssystemen sowie bürgerschaftliche Solidargemeinschaften • Institutionell durch die Mobilisierung der öffentlichen Verwaltungen und Dienste sowie deren Öffnung für die gestaltende Teilhabe von engagierten Bürgern. Einbezug kleinerer und mittlerer Unternehmen in Empowerment- Projekte. • Struktur- und sozialpolitisch durch Verfahren demokratischer Mitwirkung in Planung, Gestaltung und Implementierung von politischen Entscheidungen und sozialen Dienstleistungen im lokalen und regionalen Umfeld • Allgemeinpolitisch durch Einflussnahme auf Parteien und Entscheidungsträger 6. Ausblick Wir leben in einem Zeitalter, in welchem wirtschaftliche und soziale Transformationen ein globales Ausmaß annehmen. Dieser epochale Umbruch stellt die einzelnen Menschen, aber auch ganze Bevölkerungen vor neue, existentielle Herausforderungen, die sie mit den herkömmlichen Formen der individuellen und sozialen Problemlösestrategien nicht mehr bewältigen können. Die Handlungsweisen, für die wir uns heute entscheiden, können sowohl zu einer Vertiefung der gesellschaftlichen Spaltung und einer weiteren Gefährdung unserer natürlichen Lebensgrundlagen führen als auch die Tür zu einer neuen Dimension der bürgerschaftlichen Teilhabe und alternativer Lebensentwürfe aufstoßen. Empowerment ist ein machtvolles Instrument, das Menschen befähigt, sich die Gesellschaft aus eigener Kraft wieder anzueignen, sich in sie zu integrieren und sie mitzugestalten. Professionelles Empowerment lehrt sie, diese Potenzen positiv zu nutzen. Es erzeugt nachhaltige Verhaltensbereitschaften, die sich produktiv auf Selbst-, Sozial- und Umweltbeziehungen auswirken und Selbsthilfe und Selbstunternehmung zur zivilgesellschaftlichen Normalität werden lassen. |
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