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Empowerment - Philosophie und HandwerkszeugMeinrad M. Armbruster (2007): Vortrag am 2. Mai 2007 zur Eröffnung der Ringvorlesung ?Empowerment? an der Hochschule Magdeburg - Stendal (FH)
Empowerment im Angesicht globaler Veränderungen – Philosophie und Handwerkszeug Meinrad M. Armbruster (2007) Vortrag am 2. Mai 2007 zur Eröffnung der Ringvorlesung „Empowerment“
"Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist."
1. Globale Veränderungen Die globalen Lebensbedingungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts unterliegen für die Mehrzahl der Menschen einer historisch neuartigen Transformation, die vielen existentiell bedrohlich erscheint. Ein in seinem Wachstum entfesseltes Wirtschaftssystem bemächtigt sich mit zunehmender Beschleunigung der Bürger, ihrer Gemeinwesen und der Umwelt. Traditionelle Begrenzungen, gleichgültig ob nationaler oder ethischer Art, scheinen aufgehoben, Kapital und Arbeit beliebig transferierbar, überall dorthin, wo gerade die höchsten Profite locken. Kurzfristige egoistische Interessen stellen sich über gesamtgesellschaftliche und volkswirtschaftliche Erfordernisse, soziale und ökologische Folgekosten bleiben unbilanziert. Die internationale Gemeinschaft vermag Umwelt- und Ressourcenverbrauch höchstens ansatzweise zu bremsen, die Einkommensunterschiede nehmen zu, das Wohlstandsgefälle zwischen reichen und armen Völkern vertieft sich. Bisher als sicher geglaubte Besitzstände, gesellschaftlicher Status und Zukunftssicherheit erodieren. Soweit nicht längst schon geschehen, wandern die Arbeitsplätze mit niedrigem Anforderungsprofil aus den alten Industriestaaten in die Länder der sogen. Dritten Welt ab. Qualifizierte Tätigkeiten z.B. aus dem IT- und Dienstleistungsbereich folgen nach und werden von den lokalen Bildungseliten der Schwellenländer zum einem Bruchteil der Lohnkosten übernommen. Die Arbeiter und zunehmend auch die Angehörigen der Mittelschicht aus den traditionellen Industriestaaten sind einem internationalen Wettbewerb ausgesetzt, den sie angesichts von Milliarden billiger Arbeitskräften in Niedriglohnländern nicht gewinnen können. Die Jungen und die Fitten lernen diese Lektion und suchen ihr Glück in zukunftsträchtige Regionen. Die Wertschöpfung erfolgt zunehmend an anderem Ort, so dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung in den alten Industriestaaten erlebt, wie seine materielle Existenzgrundlage, die auf Lohnarbeit beruht, schwindet. Viele der „Modernisierungsverlierer“ fürchten nun, von dem sozialen Sicherungssystem nicht mehr aufgefangen werden zu können. Fähigkeiten, Erfahrungen und Kenntnisse, kollektiv in Jahrhunderten herausgebildet oder individuell im Verlauf einer persönlichen Bildungsbiographie erworben, verlieren innerhalb weniger Jahre oder sogar von Monaten ihren Wert, da industrielle Fertigung überall möglich ist. Das zugehörige Wissen kann global eingekauft und dorthin gebracht werden, wo es die höchste Rendite erbringt. Perfekt funktionierende Produktionsstandorte verwandeln sich über Nacht zu Industriebrachen, da die Lohnstückkosten anderswo billiger sind. Die mit ihnen korrespondierenden Bevölkerungen sind von einem auf den anderen Moment abgehängt: die Arbeitskraft der Menschen wird – weil unbezahlbar – überflüssig. Ihre Kaufkraft sinkt stark ab; die betroffenen Menschen verlieren am Markt den Status der umworbenen Konsumenten. Wer über die richtigen Voraussetzungen – vor allem Herkunft, Bildung und Lebensalter - verfügt, findet Arbeit in Life Science und High Tech oder im Umfeld von Medien und postmodernen Dienstleistungen. Die Kinder dieser Schicht haben beste Chancen, das Land und vor allem die Chefetagen der großen Wirtschaftsunternehmen zu beherrschen. Dem anwachsenden Rest mangelt es hingegen an sozialen Aufstiegsmöglichkeiten. Er finanziert seinen Lebensunterhalt subsidiär über ein staatlich organisiertes Umverteilungssystem. Aufgrund der geringen Durchlässigkeit der Gesellschaft wird diese Ungerechtigkeit an die nachfolgende Generation „vererbt“. Sie beginnt früh, zunächst in den Familien und setzt sich in den Kindertagesstätten und an den Schulen fort. Wenngleich dieser Wandel nicht überall in der selben Schärfe zum Tragen kommt – so passen sich etwa bestimmte Regionen und kleine Staaten schneller und flexibler an – scheint ein allgemeiner Umschwung zu hochmodernen, forschungs- und entwicklungsintensiven Produktionen und zu hochwertigen Dienstleistungen unumkehrbar. Nichtsdestotrotz verfügen die klassischen Industriestaaten - noch - über einen beträchtlichen, aber vielleicht entscheidenden Wettbewerbsvorteil: Die an den Idealen von Gerechtigkeit und Solidarität ausgerichtete und bildungsorientierte Mentalität der Menschen in den demokratischen Zivilgesellschaften sowie die Infrastruktur, die Sicherheit und Stabilität ihrer Staaten enthalten das Potential langfristiger Standortvorteile. Gewiss erscheint indes, dass eine relativ große Anzahl von Menschen, meist aus weniger privilegierten Verhältnissen, einen hoch volatilen Arbeitsmarkt vorfindet, welcher weder Vollbeschäftigung noch dauerhafte Arbeitsverträge zu garantieren vermag. Viele der Jobs erbringen nicht genügend Einkommen, um das Existenzminimum zu sichern. Knapp vier Millionen Deutsche sind arbeitslos, fast sieben Millionen gelten als Niedriglöhner. Es sind Menschen, die in der Woche 40 Stunden und mehr arbeiten und deren Verdienst zum Leben kaum reicht. Daran ändern auch ständige Qualifizierungs- und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen nichts. Die Alimentierung durch die öffentliche Hand ist unverzichtbar. Wenn auch „nur“ von relativer Armut bedroht – niemand muss hungern oder obdachlos sein – erleben zunehmend mehr Menschen eine tiefgreifende existentielle Verunsicherung, da sie offensichtlich nicht mehr gebraucht werden. Ihre Rolle gleicht der jener unproduktiver Statisten, welche im Alten Rom von mächtigen, dekadenten Akteuren mit Brot und Spielen ruhig gestellt wurden. Welche Perspektiven bleiben nun denjenigen Menschen, die im Begriff sind, aufgrund sozialer Herkunft, Arbeitsbiographie und Lebensalter ins gesellschaftliche, subkulturelle Abseits zu geraten? Beginnen diese Menschen, in Hinblick auf Selbstwert, Einstellungen, subjektive Bedürfnisse und Wertemaßstäbe, eine unfreiwillige gesellschaftliche Randposition einzunehmen? Entfernen sie sich zunehmend von Lebens- und Konsumgewohnheiten der Mehrheitsgesellschaft, in die sie schließlich gar nicht mehr zurück wollen? Wovon hängt es ab, ob diese Menschen in den Tag hineinleben und ihr Interesse an Teilhabe aufgeben oder ob sie ihr „Prekariat“ vielleicht als Zwischenstadium oder gar als Chance für einen alternativen Lebensentwurf erleben? Hängt es im Wesentlichen von ihrer persönlichen Einschätzung ab, davon, in welchem Ausmaß die Einzelnen ihren Einfluss auf die Gestaltung der eigenen Lebensbedingungen wahrzunehmen vermögen und welche Möglichkeiten sie für sich, ihre Familien, ihr Gemeinwesen und die Gesellschaft sehen können, in der sie leben? Konventionelle professionelle Hilfe. Der konventionelle Umgang von professionellen Helfern mit der Transformation bestand bislang wesentlich in einem Lobbying für die Modernisierungsverlierer, also derjenigen, die von Harz IV, Ein-Euro-Jobs, Frühberentung etc. betroffen waren. Die meist beratenden, vermittelnden, kurativen Interventionen waren von der Erwartung bestimmt, Benachteiligungen abzufedern und die Anpassungsfähigkeit an den Markt zu erhöhen. Sie waren von der Illusion getragen, eine verbesserte Konjunktur könne in absehbarer Zeit wieder Vollbeschäftigung herstellen. Die Maßnahmen oszillierten von Parteinahme, über Förderung bis hin zu Kontrolle. Sie haben sich oftmals als sehr kostenintensiv und außerdem auch noch destruktiv erwiesen, da sie im Kern produktive Menschen verführte, passiv zu werden und gesellschaftlich notwenige Arbeit nicht zu tun. Den professionellen Helfern der staatlichen Systeme fiel die Aufgabe zu, die unproduktiv gemachten Menschen pro forma arbeitswillig und –bereit zu halten, die sich aufbauenden gesellschaftlichen Widersprüche sozialarbeiterisch aufzufangen und die Schäden an Geist und Körper zu behandeln. Es kann unterstellt werden, dass diese Interventionen am ehesten jenen nützten, die sie durchführen, für die eigentlichen Adressaten im Sinne von Selbstbestimmung und Teilhabe aber nicht wirklich hilfreich sind. Deshalb bleibt zu fragen, welche Professionalität eine postmoderne Gesellschaft mit immer weniger „Arbeitsplatzbesitzern“ und immer mehr „Zeitarbeitern“ braucht? Was bedeutet die Transformation für die individuelle Biographie, für die Berufstätigkeit, für die Rolle im Gemeinwesen? Benötigen wir eine allgemeine Grundsicherung für die Einzelnen und ihre Familien? Worin besteht die Tätigkeit der professionellen Helfer? Welche Rolle spielen die sozialen Sicherungssysteme und die öffentlichen Verwaltungen? Welche Unterstützung würden die Menschen von ihnen benötigen? ConclusioFolgendes Szenario kristallisiert sich heraus: Offensichtlich ist die umwälzende globale Transformation, mit der sich die Gegenwart konfrontiert sieht, das Ergebnis von Prozessen, die im Wesentlichen auf die Suche des Kapitals nach Verwertungschancen zurück zu führen ist. Weltweite Informationsvernetzung und unbegrenzter Austausch von Gütern versetzen alle Regionen dieser Welt, ungeachtet ihrer physischen und kulturellen Abstände zueinander, in eine künstliche Gleichheit und Gleichzeitigkeit, welche über Geld vermittelt wird. Als Konsequenz der ökonomischen und nachfolgend der ökologischen Transformation verändern sich die gesellschaftlichen und politischen Arbeits- und Lebensbedingungen in globalem Maßstab. Die Bevölkerungen der traditionellen Industriegesellschaften haben anzuerkennen, dass Beschäftigungssicherheit und ein Erwerbseinkommen über die Existenzsicherung hinaus immer weniger zu erzielen sein werden. Nach modifizierten Regeln jedoch – z.B. durch die Veränderung der Umverteilungssysteme – kann aus dem nach wie vor industriell erzeugten Mehrwert innerhalb des postmodernen Ökonomien ein Grundeinkommen für alle erwirtschaftet und umverteilt werden. Damit kann sich die historische Chance ergeben, neue Formen der gesellschaftlichen Teilhabe zu schaffen. Menschen mit einem Grundeinkommen sind – zumindest potentiell - in der Lage, durch selbstbestimmtes und selbstunternehmerisches Tätigwerden wertschöpfende Arbeit für die Gesellschaft zu leisten. Als Philosophie, Grundhaltung, Methode und Instrument der Initiierung von Selbstermächtigung und Teilhabe schlagen wir das „Empowerment“ vor. 2. Empowerment – Die Macht den Menschen! Wiewohl den Individuen a priori für die epochale Transformation, die aus historischen Prozessen herrührt, keine persönliche Verantwortung zukommt, bedeutet dies jedoch keinesfalls, dass der Einzelne somit aus der Verantwortung entlassen wäre - im Gegenteil! Empowerment meint, dass ein jeder Mensch Macht besitzt, wenn er will, sogar sehr viel Macht! Ein Teil der Menschen ist bereits in der Lage, über den Einsatz dieser Macht zu entscheiden, viele andere können dazu in die Lage versetzt werden. Ob die Welt lebensfreundlich oder elend sein wird, letztlich entscheiden die Einzelnen über den Preis, den sie bzw. ihre Kinder und Kindeskinder bezahlen sollen, psychisch, körperlich und gesellschaftlich. Tatsächlich geht es bei Empowerment vor allem darum, den Menschen eine Chance zu geben, aus eigener Kraft in der Gesellschaft zu handeln, sie mitzugestalten und in ihr aufzusteigen, indem man ihre Potenzen nutzt. Empowerment sieht alle Menschen in der Verantwortung, für die Lösung der sie betreffenden Probleme aufzustehen, seien diese persönlicher, sozialer oder politischer Art. Es macht die Menschen darauf aufmerksam, dass sie über vielfältigste Wahloptionen verfügen. Um diese wahrzunehmen, müssen Bewusstsein und Wissen geweckt werden. Sie müssen lernen, wie sie Gebrauch von ihren Fähigkeiten und Stärken machen können. Verinnerlichen sie Empowerment, so vergrößern sie ihren unmittelbaren Einfluss auf die Umstände des eigenen Lebens. Gelingt ihnen Empowerment, so wirken ihre Einstellung und Verhaltensbereitschaften produktiv auf ihre Selbst-, Sozial- und Umweltbeziehungen ein. Sie bereiten den Nährboden für ein neues System von Nachbarschaften, von Solidaritäten und Kommunitäten. Was ist nun Empowerment genau? Empowerment meint die Stärkung von emotionalen und kognitiven Potenzen, von Selbstbemächtigung und Selbstbefähigung, von Selbstverfügung und Eigenkräften. Es will ein Bewusstsein für personale und soziale Kompetenzen schaffen und Ressourcen freizusetzen, die durch bestimmte Umstände daran gehindert worden sind, sich zu entfalten. Empowerment will für Menschen die Möglichkeiten erweitern, ihr Leben selbst zu bestimmen (Rappaport, 1985, S, 269). Empowerment rekurriert gleichermaßen auf individuelle und kollektive Kräfte. Es ist das Gegenteil der Aneignung von Macht durch die Entmächtigung anderer. Daraus ergibt sich ein konsequenter Verzicht auf die Schuldzuweisung an Schwächere. Gemeinhin werden zwei Typen unterschieden: Die Einwirkung von Empowerment auf sich selbst (self-empowerment) und die Einwirkung auf Andere (to empower people). Im ersten Fall werden sich Menschen aus eigenem Antrieb, vielleicht aus der Reflexion von persönlichen Niederlagen und Widersprüchen, ihrer vermeintlichen Ohnmacht bewusst. Sie werden zu aktiv handelnden Akteuren, die ein Mehr an Selbstbestimmung, Autonomie und Lebensregie erstreiten. Sie entwickeln eine psychologische Gewissheit ihrer Selbstwirksamkeit und lernen, für die eigenen Bedürfnisse, Interessen, Wünsche und Phantasien aktiv einzutreten. Empowerment steht hier für einen emanzipatorischen, selbstinitiierten und eigengesteuerten Prozess, für Eigen-Sinn, Selbsthilfe und aktive Selbstunternehmung der Betroffenen (Herriger, 2006). Self-Empowerment fördert die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich belastenden persönlichen Schwierigkeiten, gesellschaftlichen Problemen und bedrohlichen Umweltszenarien aktiv zu stellen und nicht zu Mustern der De-Realisation, Verleugnung und Vermeidung Zuflucht zu suchen. Das positive Kapital ermutigender Erfahrungen macht es den Menschen möglich, Resignation zu überwinden und sich mit der Vielfalt menschlicher Lebensentwürfe und Wirklichkeiten auseinander zu setzen sowie sich bei Bedarf auch offensiv einzubringen. Im zweiten Fall geht es um die zivilgesellschaftliche Unterstützung von Autonomie und eigenverantwortlichem Lebensmanagement durch professionelle Helfer. Das Empowerment richtet sich an Menschen, die in Situationen des Mangels, der Benachteiligung oder der gesellschaftlichen Ausgrenzung leben. Die Helfer verzichten auf den Status von Experten und entmündigende normative „Fach“-Urteile. Sie regen Prozesse von Selbstgestaltung und Muster solidarischer Vernetzung an. Empowerment stellt somit ein Ausweg aus der "Fürsorge-Falle" der sich perpetuierenden institutionalisierten Hilfen und der erlernten Hilflosigkeit dar. Die Zunahme der Fähigkeiten zur Selbstorganisation von Menschen geht einher mit einem Wechsel im beruflichen Selbstverständnis der Helfer, zu einem weitreichenden Paradigmenwechsel. Sie führt zum Disempowerment traditioneller beruflicher Helfer, die ihre Klienten – oft ungewollt - in Abhängigkeit von sich bringen und sie bevormunden. Empowering people beruht auf der prinzipiellen Überzeugung, dass allen Menschen gleiche Rechte zustehen. Dazu gehören der Zugang zu Bildung, Gesundheit und sozialer Sicherung am Anfang des Lebens – gleichgültig was der Einzelne als Erwachsener im Laufe seiner Biographie schließlich daraus macht. Ebenso grundlegend ist das Vertrauen in die „Menschenstärken“, die Fähigkeit von Menschen zu Selbstaktualisierung und zu personalem Wachstum sowie der Respekt vor der Selbstverantwortung sowie unkonventionellen Lebensentwürfen. Empowering people hat zum Ziel, allen Menschen genügend inhaltliches und instrumentelles Wissen an die Hand zu geben, um über Gesellschaft bestimmen zu können. Sie sollen frei und gleich über die Verteilung der existentiellen „Lebensgüter“ mitbestimmen. Dies betrifft alle vitalen Bereiche („Think global, act local!“). Naturgemäß wird den meisten Menschen indes die Gestaltung ihrer unmittelbaren Lebenswelt am nächsten stehen. Partizipationsverfahren, Verfahren der Bürgerbeteiligung, die allerdings erst noch entwickelt werden müssen, gewährleisten, dass die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen vor Ort die angemessene Berücksichtigung finden. Professionelles Empowerment, das als ermöglichendes Helfen auftritt, befördert die Beteiligung aller Bürger an ihren Angelegenheiten, an der Organisation von lokalen Dienstleistungen und Produktionsstätten unter rationalen wirtschaftlichen Bedingungen. Selbsthilfe, Selbstunternehmung und solidarische Ökonomie stellen dann zentrale Elemente lokaler Politik dar. Die kollektive Selbstregelung wird durch niedrigschwellige Verfahren in kleinen lokalen Zirkeln vorgenommen und in zivilgesellschaftlichen Verträgen festgeschrieben. Was tun? - Umsetzung des Empowerments Wie gezeigt wurde, ist die postmoderne Bürgergesellschaft offensichtlich im Begriff auseinander zu fallen. Während der erste Teil über hoch angepasste Bildung, gutes Einkommen und beträchtlichen Besitz verfügt, bestimmen Mangel und Unsicherheit permanent das Lebensgefühl des zweiten. Dieser zweite Teil erlebt sich als schlicht ausgeschlossen. Er findet fast nirgends mehr Orte, wo er verlässlich seine Fähigkeiten und Talente einbringen kann. Akzeptieren wir widerspruchslos das Ende des Sozialstaats, der gemeinsamen Werte von Solidarität und Brüderlichkeit, die uns seit der französischen Revolution begleiten? Die Antwort kann vernünftigerweise nur nein heißen! Was aber tun? Empowerment kann zu einem machtvollen Instrument werden, das hilft, die aufgezeigten Entwicklungstendenzen umzudrehen. Es versetzt die Bürger in die Lage, die Lösung ihrer Problemen selbst in die Hand zu nehmen. Dies bedarf unterschiedlichster Akteure und Strategien. Vor allem anderen aber braucht es eine professionelle »Kultur des Helfens«, die gleichermaßen über psychologische, gesundheitsfördernde sowie sozial-pädagogische, ökonomische und administrative Kompetenzen verfügt und darüber hinaus zur politischen Willensbildung im Kleinen und im Großen fähig ist. Diese professionelle »Kultur des Helfens« ist gekennzeichnet durch Klienten-, Lebenswelt- und Ressourcenorientierung sowie partizipative kommunale Entscheidungselemente. Die »Kultur des Empowerments« hat überall Platz, im partnerschaftlichen Dialog zweier Menschen und in thematischen Selbsthilfegruppen ebenso wie in Solidargemeinschaften im Stadtteil mit flachen Hierarchien, in umfassenden Projekten der Bürgerinitiativen ebenso wie in nichtstaatlichen Organisationen, die weltweit aktiv sind. Folgende Kernaspekte sind für das Empowerment-Geschehen charakteristisch
Empowerment geht immer prozesshaft und dialogisch vonstatten. Am Anfang steht die Anbahnung mit einer gemeinsamen Analyse der Situation, welche Gegenstand des Empowerments werden soll. Begonnen wird stets mit einer sorgfältigen nutzerzentrierten Erhebung der raumzeitlichen Bedingungen, der wahrgenommenen Abhängigkeiten und Behinderungen, welche Selbstentfaltung und Partizipation im Wege stehen. Die Art der Empowerment-Tätigkeiten, die professionellen Skills und die einzusetzenden Methoden unterscheiden sich je nach Setting stark. Alle Akteure – sowohl die „Fach-Experten“ als auch die „Lebenswelt-Experten“ - legen ihre Bedürfnisse, Interessen und Motivationen offen und formulieren zusammen Wünsche und Ziele. Aufgabe der Fach-Experten ist es, Ressourcen und Potentiale aufzuspüren und - wo immer vorhanden – zu verstärken sowie Offenheit für Neues und die Bereitschaft zum Lernen zu fördern. Alle Beteiligten definieren gemeinsam, wie sie in kleinteiligen Schritten gewünschte Ziele verwirklichen wollen, benennen Bedarfe und planen Prozesse. Fach- und Lebenswelt-Experten arbeiten gemeinsam an der Schaffung von Unterstützungsnetzwerken, welche sie für die Etablierung dauerhafter Veränderungen brauchen. Ebenso arbeiten sie mit anderen Akteuren und der öffentlichen Verwaltung zusammen, um ihre Maßnahmen umsetzen und konsolidieren zu können. Durch Kooperationen auf verschiedenen Ebenen sichern sie die Nachhaltigkeit ihrer Bemühungen ab. Empowerment findet auf verschiedenen vertikalen und horizontalen Ebenen statt
Empowerment und ProfessionalitätEmpowerment bedeutet einen radikalen Perspektivenwechsel der professionellen Helfer: Es fordert als Grundhaltung ein Gefühl des Vertrauens in die Welt. Dieses Vertrauen überträgt der „Empowerer“ in die Ressourcen und die Bewältigungsfähigkeiten seiner Klienten. Erfolgreiche Empowerer agieren auf gleicher Augenhöhe. Ihre Rolle ist die des Ermöglichers, nicht des Experten: Sie bemühen sich im psychosozialen Austausch mit ihren Klienten, die grundlegenden Bedürfnissen nach Selbstwirksamkeit, Akzeptanz und Bestätigung, nach Selbstwerterhöhung und Steigerung des Wohlbefindens zu verwirklichen. Empowerment braucht hierfür ermöglichendes Helfen anstelle von kurativer Intervention, benötigt den Ausbau der Potentiale, die im Alltag hilfreich sind, anstelle von defizitorientierter Therapeutisierung, muss hin zur Förderung all dessen, was Kompetenz in der Lebenswelt fördert. Erfolgreiche „Empowerer“ ermutigen den Einzelnen, seinen eigenen Möglichkeitsraum zu erweitern und selbstverantwortlich Veränderungen vorzunehmen. Sie ermöglichen selbstbewusstes Aktivwerden der „Lebenswelt-Experten“ auf der Basis von Gegenseitigkeit. Der Empowerment-Ansatz enthält die vier Bausteine Ressourcenorientierung, Positive Psychologie, Klientenorientierung und Lebensweltorientierung, welche durch die professionellen Helfer implementiert werden. Ressourcenorientierung Ressourcen definieren den Handlungsspielraum und die Chancen zur Selbstverwirklichung von Menschen in individueller, sozialer, ökonomischer und kultureller Hinsicht. In ihnen sind materielle und immaterielle Werte, Güter und soziale Stützsysteme enthalten, die einzelne Personen, Eltern und familiäre Systeme befähigen, zu handeln und sich selbst als wirksam zu erleben. Unter Ressourcenorientierung wird eine Verhaltenstendenz verstanden, sich auf persönliche Stärken und Kompetenzen zu beziehen, sie bewusst zu machen und ihren Einsatz zu fördern. Mit der Orientierung an den eigenen Kraft- und Energiequellen, den eigenen Lösungsbildern und -fähigkeiten setzen professionelle Helfer im Empowerment auf die Vitalisierung verborgener oder nicht ausgeschöpfter Potentiale. Ihre Aktivierung und Verstärkung ermöglicht es, selbst gesteckte Ziele zu erreichen. Selbst Probleme stellen Ressourcen dar, weil jedes Problem zumindest im Kern Ansätze zur Lösung in sich trägt. So enthalten viele Probleme bestimmte Ausnahmemomente, in denen die Schwierigkeit mal nicht auftritt. Damit ist bereits eine erste Spur für eine Lösung angedeutet. Werden diese bislang unbeachteten „Auszeiten“ bewusst gemacht, kann überlegt werden, wie sie systematisch zur Entlastung herbeigeführt und eingesetzt werden können (vgl. De Shazer 1995). Der Ressourcenansatz steht im diametralen Gegensatz zum vorherrschenden linearen Normalitätsbegriff, in welchem Diagnosen oder Festschreibungen im Mittelpunkt stehen, von denen angenommen wird, dass sie zeitlich überdauernde und nur schwer veränderbare Merkmale der Person darstellen. In der einen Sichtweise wird der Blick auf die Potenzen, in der anderen auf die Mängel gerichtet. Positive Psychologie Die professionelle Helfer im Empowerment ermutigen ihre Klienten ausdrücklich, mehr von dem zu tun, was gute Gefühle macht und gut läuft. Dabei handelt es sich überhaupt nicht um die Aufforderung zu einer hedonistischen, verantwortungslosen Grundhaltung, die nur Genuss ohne Leistung will. Vielmehr werden sie dazu angeregt, ihre guten Eigenschaften mithilfe bestimmter Übungen und Spiele zur Grundlage für ein erfüllteres, glücklicheres Leben werden zu lassen (vgl. Seligman 1990; Auhagen 2004). Die Techniken der Positiven Psychologie stärken Selbstvertrauen, positives Denken, Kreativität, Neugierde, Lebensfreude und Achtsamkeit. Exemplarisch für eine solche Methode der Positiven Psychologie ist das Reframing (vgl. Satir 2002). Es handelt sich hierbei um eine Technik des Umdeutens, durch welche einer Situation oder einem Geschehen eine andere Bedeutung oder ein anderer Sinn zugewiesen wird. Haltungen von Klienten, die sie selbst als Fehler oder Mängel bewerten, werden von den Helfern mithilfe des Reframing sprachlich so ausgedrückt, dass sie die in diesen Verhaltensweisen liegenden positiven Anteile und Stärken wahrnehmen und aktiv nutzen können. Es wird ihnen somit möglich, Ereignisse im Alltag und sozialen Beziehungen aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten und ungewohnte Perspektiven zu entdecken, die es leichter machen, mit der Situation anders umzugehen.
KlientenorientierungEmpowerment richtet sich exakt an den Bedürfnissen seiner Kunden bzw. Klienten aus. Einordnungen in vorherrschende fachliche Klassifikationen und Routinen, die meist – wenn auch unwillentlich und unbemerkt – die Besonderung und Exklusion fördern, werden strikt vermieden. Für die Arbeit der professionellen Helfer heißt dies, auf den Nimbus des Experten zu verzichten. Ihre vornehmste Aufgabe ist es zunächst einmal, genau in Erfahrung bringen, wer ihre Klienten eigentlich sind, welche Bedürfnisse sie haben und wie am besten diesen Bedürfnissen entsprochen werden kann. Professionelle Helfer müssen lernen, Kommunikationskompetenz auf gleicher Augenhöhe positiv umzusetzen. Eine gleichermaßen wichtige Voraussetzung stellt die Bereitschaft zu proaktivem Handeln dar. Damit ist gemeint, dass professionelle Helfer nicht warten, bis die Klienten durch Probleme unter öffentlichen Druck geraten. Sie kommen den Bedürfnissen nach Information und Unterstützung möglichst frühzeitig entgegen, indem sie ihnen ihr Angebot offensiv unterbreiten. Findet ihr Angebot keinen Anklang, so liegt das weniger an den Adressaten, sondern an der mangelnden Attraktivität des Produkts - sei es, dass es an den realen Bedürfnissen der potentiellen Klienten vorbeigeht, sei es, dass die Kosten-Nutzen-Relation nicht stimmt. Gegebenenfalls müssen Angebot und „Marketingstrategie“ in diesem Fall überprüft werden. Empowerment geht dorthin, wo die Kunden leben. Sie „verführt“ ´sie - etwa durch zwanglose Lernmethoden - zur Beteiligung.LebensweltDie Lebenswelt ist der Ort, wo sich der Fach-Experte auf die Lebenswelt der Kunden-Experten treffen und wo der gemeinsame Weg beginnt. Empowerment bedeutet, der Lebenswelt der Klienten mit dem selben Respekt zu begegnen wie der eigenen und ihr Achtung entgegen zu bringen. Die Klienten haben dasselbe Recht auf ihre Lebenswelt wie der Helfer auf die seinige. Wenn der Empowerment-Ansatz die Bedeutung der „Lebenswelt“ betont, verweist dies auf den Umstand, dass sie davon ausgeht, dass Menschen, die an den Rand gedrängt werden, ihre Welt mehr als Andere aus der subjektiven Warte der „Lebenserfahrung“ heraus wahrnehmen (vgl. Schütz u. Luckmann 1991). Als sozial vermitteltes Konstrukt stellt sie den Ort der „natürlichen Einstellungen“ und subjektiven Theorien von Individuen dar, kurz ihre unhinterfragte „Wirklichkeit“. Das Erlernen einer gemeinsamen Sprache stellt für beide Seiten eine große Herausforderung dar: Oftmals können dieselben Wörter und Zeichen je nach Lebenswelt sehr unterschiedliche Bedeutungsgehalte besitzen. Aus diesem Grund kommt der Schlüsselkompetenz der Kommunikationsfähigkeit der professionellen Helfer eine besondere Bedeutung zu. Lebenswelten sind so vielfältig wie es divergierende Dispositionen, Biographien und Lebenslagen gibt.AusblickEmpowerment basiert auf der Überzeugung, dass die Verlierer im globalen Transformationsprozess nur in geringem Ausmaß eine persönliche Verantwortung für ihre Situation tragen. Ihre Marginalisierung ist allgemeinen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen zuzuschreiben. Eine Wirtschafts- und Sozialpolitik, die auch humane und ökologische Folgekosten einrechnet und die Entwurzelung des Einzelnen verhindert, könnte durchaus in der Lage sein, Benachteiligung und Ausgrenzung nachhaltig zu vermeiden. Hierfür ist ein Ansatz notwendig, der den Einzelnen dort anspricht und abholt, wo sein Lebensmittelpunkt ist. Hierfür ist Empowerment notwendig! Empowerment impliziert, dass eigentlich nicht die Tatsachen einer sich radikal verändernden Welt an sich von Bedeutung sind, sondern die Beschreibungen und Erklärungen, die wir Menschen uns jeweils von den Tatsachen machen bzw. die den Menschen jeweils gegeben wird. Je nach Zuschreibung und Deutung durch mächtige gesellschaftliche Meinungsführer verändert sich im Alltag die vom Einzelnen wahrgenommene Realität ohne die Möglichkeit von Kontrolle und Einflussnahme. Häufig jedoch widerspiegeln die offiziös gehandelten „Tatsachen“, z.B. über soziale Verarmung, Ressourcenvergeudung und Klimakollaps, die Interessen mächtiger Gruppen. Dies gilt insbesondere für die Eliten in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, die ihre Deutungsmacht nutzen, die Bürger zu entmündigen und zu entmutigen. Sie majorisieren damit die Sichtweisen, Einstellungen, Kontrollüberzeugungen und Handlungskonzepte der Menschen und machen sie abhängig und hilflos. Sachzwänge, Wirkmechanismen und Marktgesetze werden als naturhaft und unaufhaltsam dargestellt. Umso mehr wird deshalb die Einflussnahme der vielen Mündigen vor Ort gebraucht, welche aus der Kenntnis ihrer Lebenswelt die eigene Erfahrung und den eigenen Wirklichkeitsbezug von unten nach oben durchreichen und für lebensfreundliche Verhältnisse sorgen. Empowerment verändert die Wirklichkeit von sozialen Systemen, hier und überall, wenn es die individuellen Stimmen der Bürger aufnimmt, bekräftigt und ihnen zu Klang und Fülle verhilft, die nicht mehr zu überhören sind. Empowerment ermutigt die Menschen, an die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu glauben, für sie einzustehen und ihre Fähigkeiten und Potentiale für ein besseres Leben einzubringen. Es verbindet all jene Menschen an ihren jeweiligen Orten, die gemeinsame Bezüge und Interessen haben. Es gibt ihren Fähigkeiten einen Platz im kommunalen Netzwerk, der nicht mehr nur durch marktwirtschaftliche Kriterien, sondern auch durch Selbstorganisation und zivilgesellschaftliches Engagement definiert wird.
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