Empowerment
Schlüsselkompetenzen für den Wandel von unten

Empowerment-Fachtagung 2009

  am 01. und 02. Oktober 2009 in der St. Johanniskirche in Magdeburg
   
Empowerment  
 

1. Was ist Empowerment?

 

Das englische Wort "Power" kann zum einen mit "Macht", "Gewalt", aber auch mit "Stärke", "Kraft", "Kompetenz", "Alltagsvermögen" und "Energie" übersetzt werden. Empowerment bedeutet, die eigene Kraft wiederzugewinnen oder jemand anderem Macht zu geben. Empowerment ist das Anstiften zur (Wieder-) Aneignung von Selbstbestimmung über die Umstände des eigenen Lebens (Herriger, 2006). Es befördert psychologische und soziale Prozesse von Selbstbildung und Muster solidarischer Vernetzung. Empowerment ist das Gegenteil der Aneignung von Macht durch die Entmächtigung anderer. 

Zwei Richtungen von Empowerment, die sich gegenseitig bedingen

  1. Self-empowerment: die wachstumsfördernde Einwirkung auf sich selbst
  2. Empowering people: gibt Anstöße, um vielen Menschen Wissen, soziale Kompetenzen und Skills zu vermitteln, die lebenslanges Lernen, bürgerfreundliche Beteiligungsmodelle und soziale Emanzipation ermöglichen 

Ebenen von Empowerment

  1. Individuell durch Stärkung der psychologischen Potenziale der Einzelnen
  2. Partnerschaftlich, familiär und gruppenbezogen durch ermutigende Interaktion, Formulierung gemeinsamer Bedarfe und Einbringen von Alltagsressourcen
  3. Institutionell durch Kooperationen von regionalen „empowernden“ Gruppen, öffentlicher Verwaltung sowie kleiner und mittlerer Unternehmen ("empowering organizations")
  4. Struktur- und sozialpolitisch durch Einbezug selbstorganisierter Tätigkeiten und bürgerschaftlicher Dienstleistungen in volkswirtschaftliche Planungen
  5. Allgemeinpolitisch durch Einflussnahme auf Parteien und Entscheidungsträger in Richtung sozialer Grundsicherung, Tätigkeitsgesellschaft sowie niedrigschwelliger Teilhabe an politischen Prozessen


2. Für wen ist Empowerment?

Empowerment wendet sich an:

  • Einzelne, die ihre psychologischen Potentiale und Ressourcen für die Bewältigung alltäglicher Anforderungen verstärken und zum Blühen bringen wollen
  • Menschen, die ihre Gestaltungs- und Entwicklungspotentiale erweitern und eine eigenverantwortliche Lebensführung verwirklichen möchten
  • Mitarbeiter sozialer und öffentlicher Dienste, die individuelle und gemeinsame Prozesse der Selbstbestimmung, Beteiligung und Gestaltung anregen wollen
  • Verbände und Unternehmen, die selbstmotiviertes, selbststeuerndes und damit auch selbstverantwortliches Handeln ihrer Mitarbeiter fördern möchten
  • Führungskräfte, die solche Prozesse anregen, begleiten und verstärken wollen (z.B. durch Empowerment-Zirkel zur Verbesserung der Organisationsstrukturen)
  • einen breiten Personenkreis von Politikern über bürgerschaftlich Engagierte bis hin zu Unternehmern und Fachleuten verschiedenster Disziplinen, die Menschen und Organisationen bewegen wollen, ihre Gestaltungskräfte für eine bürgerschaftliche, menschen- und umweltfreundliche nachhaltige Entwicklung einzusetzen. 

3. Welchen Zweck verfolgt der Magdeburg Empowerment-Kongress?

Der aktuelle wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel bewirkt für immer mehr Menschen immer weniger Beschäftigung und zunehmende Armut. Viele finden sich unversehens am unteren Rand der Gesellschaft. Politik und Wirtschaft sind kaum im Stande, für die Chancengleichheit der Mitglieder der Gesellschaft zu sorgen. Bürgerschaftliches Engagement im Verbund mit Empowerment können Möglichkeiten zu gesellschaftlichen Teilhabe und Tätigkeit schaffen als elementare Voraussetzung für eine nachhaltige persönliche und soziale Entwicklung. Allerdings muss dieser Prozess angestoßen werden: Der Magdeburger Empowerment-Kongress 2007 versteht sich als Initiative, die Einzelnen und das Gemeinwesen ebenso wie Verwaltungen und Wirtschaftsbetriebe auf das Potential des Empowerments aufmerksam zu machen und die Akteure zusammen zu bringen.

4. Was steht im „Magdeburger Memorandum“?

Im Rahmen des Empowerment-Kongresses wurde am 19.-21.9. 2007 ein „Magdeburger Memorandum“ erarbeitet. Das Thesenpapier wurde entwickelt um die vielen unterschiedlichen Ideen, Zukunftsentwürfe und theoretischen Konzeptionen zu bündeln und Entwicklungslinien für bürgerschaftliches Handeln und Empowerment sichtbar werden zu lassen. Das "Magdeburger Memorandum" finden Sie hier.

5. Seit wann gibt es Empowerment?

Empowerment hat sich aus sehr verschiedenen politischen Ansätzen in den USA entwickelt. Seine Geschichte beginnt dort bereits ab 1890 und findet eine erste bedeutsame Ausprägung in den Community Action-Programmen der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, später dann in der Schwarzenbewegung (Civil Rights Movement), der Frauenbewegung (Women´s Liberation) und Paulo Freires Alphabetisierungskampagnen, Der Begriff in seinem aktuellen Wortsinn wurde erstmals von Barbara Solomon mit ihrem Buch Black Empowerment( 1976) gebraucht.

6. Was ist unter persönlichem Empowerment zu verstehen?

Empowerment bewirkt die individuelle Stärkung von emotionalen und kognitiven Potenzen, von Selbstvertrauen und Eigenkräften und führt zu erhöhter Selbstverfügung und Selbstbefähigung. Es hilft, ein gesteigertes Bewusstsein für die eigenen psychischen und sozialen Kompetenzen zu erzeugen und setzt Ressourcen frei, die durch unterschiedliche Lebensumstände behindert waren. Nachhaltiges Empowerment gibt dem einzelnen Menschen ein erweitertes Handwerkszeug, seine künftige Entwicklung selbst zu steuern und Verantwortung dafür zu übernehmen. Es erweitert die Freiheitsgrade, das eigene Leben zu gestalten (Rappaport, 1985). Für persönliches Empowerment benötigt das Individuum den Wunsch, in Solidarität mit anderen Menschen seinen Einfluss auf die Umstände des eigenen Lebens zu vergrößern. 

7. Welche Entwicklungsschritte gibt es beim Empowerment?

a) Bewusstwerden und Verstehen der persönlichen Entwicklung und des eigenen Wertes. Damit einher geht der Respekt vor der grundsätzlichen Gleichwertigkeit und Würde anderer Menschen. Wahrnehmung und Realisierung der psychologischen Bedürfnisse und Ressourcen.

b) Ermutigender Dialog in der Gruppe, durch welche die Menschen die Wirklichkeit ihres individuellen und gesellschaftlichen Geworden-Seins verstehen lernen. Dialog beinhaltet Begegnung, Beziehung und Gegenseitigkeit. Aus Gegenseitigkeit entwickeln sich Achtsamkeit, Lebenssinn, Mäßigung und Konvivialität, kurz: Lebensfülle.

c) Unterstützung und Vernetzung in den relevanten Fragen des Miteinanders auf regionaler und überregionaler Ebene. Einmischung und Aneignung der eigenen Lebensverhältnisse durch Selbstbestimmung und Selbstunternehmung.d. Bewegungen nach vorne – Transfer des Gemeineigentums an Wissen, Techniken und erweiterten Lebenschancen auf selbstunternehmerische Projekte unterschiedlicher Reichweite. Selbstbestimmung der Vielen in den praktischen Fragen des politischen Miteinanders. Entwicklung einer solidarischen Ökonomie und Ökologie.

d) Bewegungen nach vorne – Transfer des Gemeineigentums an Wissen, Techniken und erweiterten Lebenschancen auf selbstunternehmerische Projekte unterschiedlicher Reichweite. Selbstbestimmung der Vielen in den praktischen Fragen des politischen Miteinanders. Entwicklung einer solidarischen Ökonomie und Ökologie.

8. Was bedeutet Empowerment für das Berufsleben?

Empowerment bedeutet einen radikalen Perspektivenwechsel, da es als professionelle Grundhaltung ein Gefühl des Vertrauens in die Welt und die Menschen befördert. Dieses Vertrauen überträgt der „Empowerer“ in die Ressourcen und die Bewältigungsfähigkeiten der Menschen, mit denen er/sie arbeitet. Erfolgreiche Empowerer agieren auf gleicher Augenhöhe wie ihre Mitarbeiter. Ihre Rolle ist die des Ermöglichers, nicht des Experten: Sie bemühen sich um Austausch und sind bestrebt, den grundlegenden Bedürfnissen ihres Gegenübers nach Selbstwirksamkeit, Akzeptanz und Bestätigung, nach Selbstwerterhöhung und Steigerung des Wohlbefindens entgegen zu kommen. Empowerment als Methode ist die Stärkung der Selbstverantwortung des Anderen anstelle von Anweisen, ist die Erweiterung des Möglichkeitsraum anstatt ihn hierarchisch zu entmündigen, ermutigt die Potentiale des Gegenübers anstatt seine Schwächen und Defizite in den Vordergrund zu stellen.

Professionelles Empowern beinhaltet vier Bausteine:

  • Ressourcenorientierung,
  • Positive Psychologie,
  • Klientenorientierung und
  • Lebensweltorientierung.

Ressourcenorientierung

Ressourcen beinhalten die Werte, die Personen befähigen, zu handeln und sich selbst als wirksam zu erleben. Sie definieren den Handlungsspielraum und die Chancen zur Selbstverwirklichung von Menschen in individueller, sozialer, ökonomischer und kultureller Hinsicht. Unter Ressourcenorientierung wird eine Verhaltenstendenz verstanden, sich auf persönliche Stärken und Kompetenzen des Gegenübers zu beziehen, sie bewusst zu machen und ihren Einsatz zu fördern. Ihre Verstärkung ermöglicht es, unerreichbar erscheinende Ziele zu verwirklichen.

Positive Psychologie

Das systematische Empowern guter Gefühle stellt keineswegs die Aufforderung zu einer hedonistischen, verantwortungslosen Grundhaltung dar, die nur Genuss ohne Leistung will. Tätigwerden, Anstrengung, und Leistung sind Basiselemente des Empowerments. Positive Psychologie hilft, vorhandene gute Eigenschaften mithilfe bestimmter Übungen zum Ausgangspunkt eines erfüllteren Lebens werden zu lassen (Seligman, 2005. Die Techniken der Positiven Psychologie stärken Selbstvertrauen, positives Denken, Kreativität, Neugierde, Lebensfreude und Achtsamkeit.

Klientenorientierung

Empowerer betrachten Klienten als Fachleute ihrer Arbeits- und Lebenswelt. Sie selbst verzichten auf den Nimbus des Experten. Ihre vordringlichste Aufgabe ist es zunächst einmal, genau in Erfahrung bringen, mit wem und welchen Bedürfnissen sie es zu tun haben. Sie kommunizieren  auf gleicher Augenhöhe und kommen den Bedürfnissen nach Information und Unterstützung möglichst gut entgegen. Findet ihr Angebot keinen Anklang, so liegt das weniger an den Adressaten, sondern an der mangelnden Attraktivität des Produkts - sei es, dass es an den realen Bedürfnissen der potentiellen Klienten vorbeigeht, sei es, dass die Kosten-Nutzen-Relation nicht stimmt.

Lebenswelt

Empowerment bedeutet, der „Lebenswelt“ der nichtprofessionellen Klienten mit demselben Wertschätzung zu begegnen wie der eigenen und ihr Achtung entgegen zu bringen. Lebenswelt verweist auf den Umstand, dass Menschen ihre Realität i.d.R. aus der subjektiven Warte der „Lebenserfahrung“ heraus wahrnehmen (vgl. Schütz u. Luckmann 1991): Lebenswelt impliziert dann „unhinterfragte Wirklichkeit“ und „natürliche Einstellungen“. Das Erlernen einer gemeinsamen Sprache, in welcher beide Sichtweisen abgebildet werden können, erweist sich für beide Seiten eine große Hilfe. Der Schlüsselkompetenz Kommunikationsfähigkeit kommt beim professionellen Empowerment eine besondere Bedeutung zu.

9. Welche Literatur gibt es zu Empowerment?

  • Armbruster, Meinrad M. (2006): Eltern AG - Das Empowerment-Programm für mehr Elternkompetenz in Problemfamilien. Heidelberg: Auer, ISBN 978-3-89670-561-7
  • Kenneth Blanchard, John P. Carlos, Alan Randolph: Das neue Führungskonzept: Mitarbeiter bringen mehr, wenn sie mehr dürfen. Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH 1998, ISBN 3498005952
  • Thomas Haug: "Das spielt (k)eine Rolle!" Theater der Befreiung nach Augusto Boal als Empowerment-Werkzeug im Kontext von Selbsthilfe, ibidem-Verlag, Stuttgart 2005 (Verbindung des Boal´schen Theaters mit der Selbsthilfe-Idee und dem Empowerment-Konzept, Theoriediskussion, Methodenbeschreibung und konkrete Praxisanregungen für die Soziale Arbeit) ISBN 3898214869
  • Norbert Herriger, Empowerment in der sozialen Arbeit, Kohlhammer: 2002, ISBN 3170171410
  • Knuf, Andreas: Basiswissen: Empowerment in der psychiatrischen Arbeit. Bonn: Psychiatrie-Verlag 2006, ISBN 978-3-88414-409-1
  • Mohr, Lars: Ziele und Formen heilpädagogischer Arbeit: eine Studie zu "Empowerment" als Konzeptbegriff in der Geistigbehindertenpädagogik / Lars Mohr. - Luzern: Ed. SZH/CSPS, 2004. - 104 S: graph. Darst ISBN 3-908262-48-8
  • Theunissen, Georg und Plaute, Wolfgang (2002): Handbuch Empowerment und Heilpädagogik. Freiburg im Breisgau: Lambertus Verlag
  • Hans A. Wüthrich, Dirk Osmetz, Stefan Kaduk (2006): Musterbrecher. Führung neu leben. Wiesbaden: Gabler Verlag, ISBN 978-3834905079

 
   
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